| Veranstaltung: | Themenkonferenz 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | TOP 5.1. Beratungen Antragsblock B (Anträge bzgl. NRW) |
| Antragsteller*in: | Juso HSG Uni Köln |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 21.07.2026, 12:21 |
A1: Revolution praxisnahe Lehrer*innenbildung – Didaktik ist kein Nebenfach!
Weiterleitung
- Weiterleitung an:
- Landeskonferenz der NRW Jusos
Antragstext
Lehrkräfte übernehmen eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben
überhaupt. Sie vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern begleiten Kinder und
Jugendliche in ihrer persönlichen Entwicklung, fördern demokratische Werte,
erkennen Problemlagen und tragen Verantwortung für das Wohlergehen ihrer
Schüler*innen. Um dieser Verantwortung gerecht werden zu können, benötigen
angehende Lehrkräfte eine Ausbildung, die sie umfassend auf die Realität des
Schulalltags vorbereitet.
Das Lehramtsstudium in Nordrhein-Westfalen erfüllt diesen Anspruch bislang nur
unzureichend. Die Ausbildung ist stark wissenschaftlich und theoretisch
ausgerichtet, während praktische Erfahrungen im Schulalltag vergleichsweise spät
und in zu geringem Umfang stattfinden. Gleichzeitig werden zentrale Themen wie
schulrechtliche Fragen, der Umgang mit Kindeswohlgefährdungen oder die
politische Rolle von Lehrkräften nur unzureichend behandelt.
Ziel einer modernen Lehrkräftebildung muss es sein, Studierende frühzeitig mit
den tatsächlichen Anforderungen des Berufs vertraut zu machen und sie sowohl
pädagogisch als auch rechtlich und gesellschaftlich auf ihre spätere Tätigkeit
vorzubereiten. Deshalb fordern wir eine umfassende Reform des Lehramtsstudiums
in Nordrhein-Westfalen.
Mehr Praxis von Beginn des Studiums an
Die derzeitigen Praxisanteile im Lehramtsstudium reichen nicht aus, um angehende
Lehrkräfte angemessen auf den Beruf vorzubereiten. Im Bachelorstudium
absolvieren Studierende lediglich eine verpflichtende Praxisphase mit 25
Praxistagen beziehungsweise 100 Stunden an Schulen. Erst im Master folgt das
Praxissemester. Für einen Beruf, dessen Anforderungen maßgeblich durch
pädagogische Praxis geprägt sind, ist dies deutlich zu wenig.
Viele Studierende erleben den tatsächlichen Schulalltag erst nach mehreren
Semestern intensiver theoretischer Ausbildung. Dadurch wird häufig erst spät
deutlich, welche Herausforderungen der Lehrer*innenberuf mit sich bringt.
Gleichzeitig bleiben zahlreiche Studieninhalte abstrakt, da die praktische
Einordnung fehlt.
Frühe und kontinuierliche Praxiserfahrungen würden Studierenden ermöglichen,
pädagogische Kompetenzen schrittweise aufzubauen, Unterrichtssituationen
kennenzulernen und theoretische Inhalte unmittelbar mit der schulischen Realität
zu verknüpfen. Darüber hinaus könnten Schulen frühzeitig von zusätzlicher
Unterstützung profitieren, beispielsweise bei Förderangeboten oder
Differenzierungsmaßnahmen.
Daher fordern wir:
- Verbindliche Praxiselemente ab dem ersten Semester des Lehramtsstudiums.
- Mindestens zwei Praxistage pro Woche an Schulen während des Studiums.
- Einen stufenweisen Kompetenzaufbau: zunächst durch Hospitationen, später
durch die schrittweise Übernahme von Förder- und
Differenzierungsmaßnahmen.
- Eine kontinuierliche Begleitung und Qualifizierung durch die Universitäten
über die Zentren für Lehrer*innenbildung (ZfL) sowie durch das Land
Nordrhein-Westfalen über die Zentren für schulpraktische Lehrerbildung
(ZfsL).
Praxisarbeit fair vergüten
Eine deutliche Ausweitung der Praxisanteile darf nicht auf Kosten der
Studierenden erfolgen. Bereits heute finanzieren viele (Lehramts-)Studierende
ihren Lebensunterhalt durch Nebenjobs. Zusätzliche verpflichtende
Anwesenheitszeiten an Schulen schränken ihre Möglichkeiten zur Erwerbsarbeit
erheblich ein.
Zugleich leisten Studierende während längerer Praxisphasen einen konkreten
Beitrag zum Schulbetrieb. Sie unterstützen Lehrkräfte, begleiten Fördermaßnahmen
und übernehmen zunehmend pädagogische Aufgaben. Diese Arbeit verdient
Anerkennung und eine angemessene finanzielle Vergütung.
Eine faire Bezahlung trägt darüber hinaus dazu bei, soziale Ungleichheiten im
Studium abzubauen. Niemand sollte aufgrund seiner finanziellen Situation auf ein
Lehramtsstudium verzichten oder durch umfangreiche Praxisphasen zusätzlich
belastet werden.
Daher fordern wir:
- Eine angemessene Vergütung aller verpflichtenden Praxistätigkeiten an
Schulen.
- Eine Vergütung mindestens in Höhe des jeweils geltenden gesetzlichen
Mindestlohns.
- Die Beschäftigung der Studierenden über Werkstudentenverträge.
- Die finanzielle Vergütung oder den zeitlichen Ausgleich von Mehrstunden.
Rechtliche und politische Bildung stärken
Lehrkräfte bewegen sich täglich in einem rechtlich und gesellschaftlich
anspruchsvollen Umfeld. Sie müssen demokratische Werte vermitteln, mit
politischen Kontroversen umgehen, Kindeswohlgefährdungen erkennen und
rechtssicher handeln. Dennoch werden diese Themen im Lehramtsstudium bislang
häufig nur am Rande behandelt und sind oftmals von den individuellen
Schwerpunkten einzelner Dozierender abhängig.
Viele Lehramtsstudierende verlassen die Universität mit erheblichen
Unsicherheiten darüber, wie sie sich politisch positionieren dürfen, welche
Bedeutung der Beutelsbacher Konsens hat oder welche Rechte und Pflichten sie im
Schulalltag besitzen. Nicht selten führt dies dazu, dass Lehrkräfte aus
Unsicherheit politische Bildung vermeiden oder fälschlicherweise von einem
allgemeinen Neutralitätsgebot ausgehen.
Ebenso fehlt häufig eine systematische Vorbereitung auf Situationen, in denen
Schüler*innen Gewalt erfahren oder Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung zeigen.
Gerade in diesen Fällen müssen Lehrkräfte ihre Handlungsmöglichkeiten und
Meldewege kennen, um Kinder und Jugendliche wirksam schützen zu können.
Diese Themen dürfen nicht vom Zufall abhängen, sondern müssen verbindlicher
Bestandteil der Lehrkräftebildung sein.
Daher fordern wir:
- Die Einführung eines verpflichtenden Moduls in den Bildungswissenschaften.
- Die Durchführung des Moduls in Form einer Vorlesung und eines begleitenden
Seminars.
- Die Vermittlung von Kenntnissen zu politischer Bildung, demokratischer
Verantwortung und der politischen Positionierung von Lehrkräften.
- Die verbindliche Behandlung des Beutelsbacher Konsenses und seiner
praktischen Anwendung im Schulalltag.
- Die Vermittlung rechtlicher Grundlagen des Lehrer*innenberufs.
- Die Aufklärung über den Umgang mit Gewalt gegen Schüler*innen sowie über
Kindeswohlgefährdungen im familiären und schulischen Umfeld.
- Die Vermittlung konkreter Handlungs- und Meldewege für entsprechende
Verdachtsfälle.
Lehramtsstudium stärker auf Pädagogik ausrichten
Das Lehramtsstudium verfolgt derzeit einen starken wissenschaftlichen Anspruch.
Wissenschaftliche Grundlagen sind zweifellos wichtig, jedoch steht für die
spätere Berufsausübung die pädagogische Praxis im Mittelpunkt. Lehrerinnen
arbeiten nicht primär als Fachwissenschaftlerinnen, sondern als Pädagog*innen,
die Fachwissen adressatengerecht vermitteln und junge Menschen begleiten.
Die Ausweitung von Praxisanteilen sowie die stärkere Berücksichtigung
pädagogischer und rechtlicher Kompetenzen erfordern zusätzliche zeitliche
Ressourcen innerhalb des Studiums. Deshalb ist eine Schwerpunktverlagerung
notwendig. Ziel muss sein, das Studium stärker an den tatsächlichen
Anforderungen des Berufs auszurichten und eine bessere Balance zwischen
Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Pädagogik zu schaffen.
Daher fordern wir:
- Eine Deckelung der fachwissenschaftlichen Module in den
Unterrichtsfächern.
- Maximal fünf fachwissenschaftliche Module pro Fach.
- Davon drei Basismodule und zwei Vertiefungsmodule.
- Drei verpflichtende fachdidaktische Module pro Fach.
- Eine stärkere Gewichtung pädagogischer, didaktischer und schulpraktischer
Ausbildungsinhalte innerhalb des Lehramtsstudiums.
Eine zukunftsfähige Lehrkräftebildung muss sich an den tatsächlichen
Anforderungen des Berufs orientieren. Wer junge Menschen unterrichten, begleiten
und schützen soll, benötigt nicht nur fachwissenschaftliches Wissen, sondern vor
allem pädagogische Handlungskompetenz, Praxiserfahrung sowie rechtliche und
gesellschaftspolitische Sicherheit. Deshalb braucht Nordrhein-Westfalen ein
Lehramtsstudium, das praxisnäher, pädagogischer und besser auf die Realität an
Schulen vorbereitet.
